SPIEGEL-Interview mit Ray Charles aus Ausgabe 19/6.5.96
"Wer ist hier der King?"
 Entertainer Ray Charles über seinen Blues, die Frauen und seinen
 Durchblick in Rassenfragen
        Ray Charles gehört zu den größten Entertainern des 20. Jahrhunderts. Er 
        wurde in Albany, Georgia, geboren, erblindete mit sieben Jahren und 
        lernte auf einer Blindenschule in Florida Klavier, Klarinette, Saxophon, 
        Orgel und Trompete. Charles revolutionierte Anfang der Fünfziger die 
        Popmusik, indem er Gospel mit Blues mischte. Gegen Ende des Jahrzehnts 
        unternahm Charles bereits Tourneen mit eigener Big Band und 
        Flugzeugstaffel. Politisch erregte der Musiker wegen seines Engagements 
        für Martin Luther King Aufsehen, während der Achtziger wurde er wegen 
        seiner Auftritte in Südafrika scharf kritisiert. Charles, 65, gibt heute 
        immer noch rund 250 Konzerte pro Jahr und hat vor kurzem eine neue CD 
        "Strong Love Affair" herausgebracht. 

        SPIEGEL: Mr. Charles, was ist ihre Lieblingsfarbe? 
        Charles: Rot. Ich hatte als Kind ein rotes Auto, ich mag das Rot des 
        Feuers. Ich habe mir immer gern Blitze angesehen. Wahrscheinlich wäre 
        ich nicht Musiker, sondern Pyromane geworden ... 
        SPIEGEL: ... wenn sie nicht mit sieben Jahren erblindet wären. Was 
        änderte sich? 
        Charles: Nicht viel. Ich weiß ja, wie die Welt aussieht. Ich kenne das 
        Blau des Himmels und das frische Grün einer Frühlingswiese. Ich weiß, 
        wie eine blonde Frau aussieht. Nur diese neumodischen Farben wie 
        apricot-beige gab es damals noch nicht, und ich möchte mir nicht einmal 
        vorstellen, wie apricot-beige aussieht. 
        SPIEGEL: Warum nicht? 
        Charles: Zeitverschwendung. Für das, was in meinem Leben wichtig ist, 
        brauche ich nicht unbedingt zu sehen. Ich kann Ihnen auch so ziemlich 
        schnell sagen, ob jemand ein Idiot ist oder nicht. Auch die Menschen, 
        die sehen können, sollten öfter mal das Licht ausmachen. 
        SPIEGEL: Sie sind schwarz, sie sind blind ... 
        Charles: ... aber nicht taub. Taub, das wäre wirklich schlimm. Da wär' 
        ich lieber tot, und zwar sofort. 
        SPIEGEL: Miles Davis hat mal gesagt, er könne auch blind sofort sagen, 
        welche Hautfarbe ein Musiker hat. Sie auch? 
        Charles: Miles konnte vor allem besser lügen als ich. Haben Sie mal Stan 
        Getz gehört? Hui jui jui, da fliegt Ihnen doch der Hintern weg. Oder 
        Gerry Mulligan, hohoho, Himmel, Himmel. Wenn ich Leute für meine Big 
        Band ausgesucht habe, hat mich nie interessiert, was für eine Hautfarbe 
        einer hat, welcher Religion er angehörte oder was er zu Mittag gegessen 
        hat. Das einzige, was zählte, war: "Wie gut bist Du? Komm, laß mich 
        hören, was du mit dem Baß da machst." 
        SPIEGEL: Gestern sind Sie mit dem National Symphony Orchestra in 
        Washington aufgetreten ... 
        Charles: ... ah, es war also das National Orchestra, ich dachte mir 
        noch: "Boy, these cats can play." 
        SPIEGEL: Nur Weiße und ein Halbchinese. 
        Charles: Und man wundert sich, was der wohl alles anstellen mußte, um da 
        reinzukommen. 
        SPIEGEL: Ihre neue Platte heißt "Strong Love Affair". Wissen Sie, Ihre 
        wievielte Platte das ist? 
        Charles: Keine Ahnung. 
        SPIEGEL: Sie haben das Mitzählen aufgegeben? 
        Charles: Wir haben 1949 angefangen, Platten zu machen. Damals waren das 
        zwei pro Jahr. Irgendwann waren es dann drei, in den achtziger Jahren 
        nur noch eine pro Jahr. Jetzt nur noch alle drei Jahre eine Platte. 
        SPIEGEL: Wie nehmen Sie heute eine Platte auf? 
        Charles: Ich sitze in meinem Studio in Los Angeles und singe auf die 
        Bänder, die mir mein Produzent Mr. Grosz aus Frankreich, Norwegen oder 
        Dänemark schickt. Ich habe ein Aufnahmegerät mit 48 Spuren und zwei 
        Aufnahmeknöpfen. Zwei Aufnahmeknöpfe. Und sie müssen beide gedrückt 
        sein. Das sind meine Sicherheitstasten. Sonst würde ich als Blinder 
        vielleicht alles löschen. 
        SPIEGEL: Sie sind einer der reichsten Musiker, trotzdem geben Sie pro 
        Jahr noch an die 250 Konzerte. Ziehen Sie die Bühne der Einsamkeit vor? 
        Charles: Sehen Sie, ich liebe diese Einsamkeit, manchmal. Tagsüber 
        klingelt dauernd das Telefon, aber nachts um drei, da ist Ruhe, niemand 
        stört mich. Und natürlich ist die Bühne das Größte: Ray Charles macht 
        die Leute glücklich. Die Leute machen Ray Charles glücklich. Und Ray 
        Charles wird auch noch dafür bezahlt. 
        SPIEGEL: Frank Sinatra hat einmal gesagt: "Ray Charles ist das einzige 
        Genie im Geschäft." 
        Charles: Ein hübsches Kompliment, aber ich bin kein Genie. Art Tatum war 
        ein Genie, ebenso Dizzy Gillespie und Charlie Parker. Gott ist ein Genie 
        und Einstein auch. Aber ich bin keins. Ich spiele nur ein paar Songs 
        ganz passabel. Ich bin kein Jazzer, aber ich kann Jazz spielen. Ich bin 
        kein Blues-Sänger, aber ich kann den Blues singen. Ich bin kein 
        Country-and-Western-Sänger, aber ich kann Country singen. Ich bin ein 
        Gebrauchsmusiker. Deswegen bin ich immer noch da. 
        SPIEGEL: Die Genies, die Sie aufzählen, sind alle tot. Hören Sie 
        gelegentlich von Genies, die noch leben? 
        Charles: In diesem Jahrhundert haben wir eine Menge Genies gehabt, es 
        reicht. Mehr als fünf, sechs musikalische Genies pro Jahrhundert gibt es 
        nicht. 
        SPIEGEL: Was ist mit den Marsalis-Brüdern? 
        Charles: Gute Jungs, sehr gute Jungs, richtige Cats. Die können an einem 
        guten Abend mit ihren Instrumenten machen, was sie wollen. Keine Genies, 
        aber immerhin gute Cats. 
        SPIEGEL: Was ist ein Cat - ein guter Musiker? 
        Charles: Das ist unser Slang - wir nennen jeden Musiker Cat, und einen 
        guten Musiker, einen, der sich den Hintern wegspielen kann, den nennen 
        wir "a very bad cat" - das ist eine hohe Auszeichnung. Wenn wir sagen: 
        "He plays like a very, very bad motherfucker" - das ist die allerhöchste 
        Auszeichnung, die Brother Ray zu vergeben hat. 
        SPIEGEL: Wie nennen Sie dann einen, der wirklich schlecht spielt? 
        Charles: Den nennen wir, Entschuldigung, ein Stück Scheiße. 
        SPIEGEL: Das ist hart. 
        Charles: Ich kann eine Menge ertragen, aber auf keinen Fall Leute, die 
        ihr Instrument nicht beherrschen. Keine Gnade für diese Burschen, 
        cheers. Runter von der Bühne. 
        SPIEGEL: Sie sind in einer armseligen Hütte ohne fließendes Wasser und 
        ohne Radio im Süden der USA groß geworden. Wo stand das Klavier, auf dem 
        Sie spielen lernten? 
        Charles: Der Lebensmittelhändler Mr. Pit hatte eins in seinem Laden. Als 
        ich drei Jahre alt war, hat er mich auf den Schoß genommen und mir 
        beigebracht, wie man auf den Tasten herumklopft. Da saß ich dann und 
        habe gesungen: "Come on, little playmates, come on and play with me." 
        SPIEGEL: Wo hörten Sie Musik? 
        Charles: In der Kirche, wir hörten dort Gospel. Mr. Pit hatte eine 
        Jukebox, und die war voll mit Blues-Platten, schmutzige Blues-Platten 
        von Leuten wie Tampa Red, Blind Boy Phillips und Washbord Sam. Und 
        später kam dann noch ein Radio dazu. Da habe ich dann die 
        Country-Sendungen aus der Grand Ole Opry in Nashville gehört. 
        SPIEGEL: Mit sieben sind Sie erblindet und haben versucht, so gut es 
        eben ging, damit fertigzuwerden: Sie gingen auf eine Blindenschule, 
        lernten fünf Instrumente, das Fahrrad- und das Motorradfahren, nur vor 
        dem Gitarrespielen hatten Sie immer Abscheu. 
        Charles: Die Schwarzen, die Gitarre spielten, das waren die, die blind 
        in einer Straßenecke mit einem Blechnapf vor den Füßen im Staub um Geld 
        bettelten. Das mochte ich nicht, ebensowenig wie den Blindenhund, den 
        mir ein paar Wohltäter zum zwölften Geburtstag schenkten. 
        SPIEGEL: Sie hatten was gegen Mitleid? 
        Charles: Ich brauchte es nicht, ich hatte ja die Musik, ich konnte was. 
        Ich fing mit zwölf Jahren an, in Bands zu spielen, und ich war bald ganz 
        allein, weil meine Mutter starb. Ich arbeitete in Tampa und Orlando, 
        manchmal für so wenig Gage, daß ich von einer halben Büchse Sardinen 
        satt werden mußte. Ich arbeitete für jeden, der zahlte. Mit 13 Jahren 
        hatte ich sogar ein Engagement in einer Country-and-Western-Band. Die 
        hießen "The Florida Playboys", ich war der einzige Schwarze und stellte 
        mein Klavier immer neben einem Fenster auf, falls mich wieder ein paar 
        besoffene weiße Zuschauer - und es gab nur weiße - aufhängen wollten. 
        SPIEGEL: Das war Ihnen noch nicht hart genug, Sie mußten mit 17 Jahren 
        auch noch nach Seattle auswandern. 
        Charles: Florida fing an, mich zu langweilen, und vor New York und 
        Chicago hatte ich Angst. Also sagte ich zu einem Freund: "Nimm die 
        Landkarte und fahr mit dem Finger die Westküste hinauf bis ganz nach 
        oben - was ist da?" Er sagte: "Keine Ahnung, da ist etwas, das heißt 
        Seattle" Und ich sagte: "Ist es groß?" Er sagte: "Ja!" Und ich sagte: 
        "Okay, da fahr ich jetzt hin, mal sehen, ob sie da einen wie mich 
        brauchen können." Ich wußte nichts über Seattle, ich hatte noch nie in 
        meinem Leben gehört, daß es diese Stadt überhaupt gibt - aber ich sagte 
        mir, verdammt, wenn es groß ist, dann hat es dort Glücksspiel, Mädchen, 
        Alkohol und Bars, die die ganze Nacht offen haben, und dann gibt es da 
        auch ein Klavier, an dem ich für Geld spielen kann. 
        SPIEGEL: Sie wurden engagiert, verdienten 25 Dollar pro Nacht und 
        imitierten den Entertainer Nat King Cole. 
        Charles: Ich verdiente 125 Dollar die Woche und dachte, ich sei "the 
        richest cat of Seattle". Ich hatte ein elektrisches Klavier, einen 
        Fernsehapparat, mein eigenes Haus. Wenn ich mittags aufstand, war schon 
        der 14jährige Quincy Jones in meiner Tür und fragte: "Hey kid, zeig mir, 
        wie Du diese Musik schreibst, zeig mir, wie Du arrangierst und 
        komponierst" - und heute ist er verdammt viel besser als ich. 
        SPIEGEL: Sie imitierten aber immer noch Nat King Cole - ging Ihnen das 
        nicht allmählich auf die Nerven? 
        Charles: Ich war zufrieden, ich verdiente Geld damit, es war alles 
        bestens, bis ich eines Morgens aufwachte und an die Leute im Publikum 
        denken mußte. Sie sagten: "Hey Kid - du machst das klasse, du klingst 
        genau wie Nat King Cole. Hey Kid, wundervoll - wie Nat King Cole." Und 
        ich dachte, sie nennen mich Kid - sie kennen nicht einmal meinem Namen. 
        Ich muß meine eigene Musik machen - sonst werden sie sich den Namen Ray 
        Charles nie, nie merken. Sollen sie doch jemand anderen finden, den sie 
        Kid nennen. 
        SPIEGEL: Und weil die Leute jemand anderen finden sollten, den sie Kid 
        nannten, haben sie den Blues, die Musik des Teufels, und den Gospel, die 
        Musik Gottes, vermischt und den Soul erfunden? 
        Charles: Was soll ich gemacht haben? Ich habe gar nichts mit gar nichts 
        vermischt, ich habe überhaupt nichts erfunden. Ich habe nur versucht, 
        ich selbst zu sein. "I got a Woman", das war es, wie ich die Musik 
        fühlte. "Drown in my own Tears" - das war in mir drin. Ich war kein 
        Stratege, wie die klugen Musikkritiker meinen. Ich war kein Ketzer, wie 
        die Kirche damals meinte. Ich war Ray Charles, my old motherfuckin' 
        self, ein blinder, schwarzer Junge, der zuviel Blues, Gospel und Jazz 
        gehört hatte. 
        SPIEGEL: Wie würden Sie das dann nennen, was Sie seit 50 Jahren machen? 
        Charles: Ich versuche Gefühle zu erzeugen, und ich versuche, Geschichten 
        von Gefühlen zu erzählen, so daß die Leute eine Gänsehaut bekommen, weil 
        sie solche Gefühle kennen. Ich bin wie ein Schauspieler, nur daß ich mit 
        Noten arbeite. 
        SPIEGEL: Sie stellen etwas dar, was Sie nicht sind? 
        Charles: Ich lasse mich von der Musik bewegen, und was Sie auf der Bühne 
        hören und sehen, meine Stimme, mein Klavier, meine Beine, die manchmal 
        hinter diesem Klavier herumwirbeln und einfach durch die Luft fliegen - 
        das ist die Musik, die mich bewegt. Und dann gibt es diese Abende, an 
        denen sich gar nichts bewegt, keine Beine, keine Stimme, kein Klavier: 
        Das sind dann die Abende, an denen Ray die Musik nicht spürt. 
        SPIEGEL: Mit 50 Jahren Bühnenerfahrung müßten Sie doch Routine haben. 
        Charles: Nein, ich ertrage kein Pannen. Ich ertrage es nicht, wenn mein 
        Saxophonist sich mit seiner Frau gestritten hat und seinen Einsatz 
        verpaßt, ich ertrage keine pfeifenden Mikrophone oder eine Band, die 
        einfach Mist baut. Ich kann damit nicht umgehen, ich bin dann weg. Wenn 
        das Gefühl weg ist, dann ist der Song zu Ende. Schluß. Aus. Finished. 
        SPIEGEL: Welche Rolle spielten die Besitzer der berühmten 
        Atlantic-Labels, Ahmet Ertegun und Jerry Wexler, für Ihren Aufstieg? 
        Charles: Sie waren sehr kluge Leute, und ich werde Ihnen sagen, warum: 
        Die beiden kamen ins Studio und bezahlten die Rechnung. Das war alles, 
        was sie taten, und ich durfte machen, was zur Hölle ich wollte. Sie 
        sagten: "Auch wenn Du jetzt keinen Hit hast, wir bringen Deine Platten 
        raus, wir bringen zwei, drei, vier, fünf Platten von dir raus, weil wir 
        wissen, daß du eines Tages einen Hit haben wirst, Brother Ray." Außerdem 
        wippten ihre Füße immer im Takt mit, und sie konnten bei zwei und bei 
        vier mit den Fingern schnippen. Natürlich gibt es solche Leute heute 
        nicht mehr. Wozu auch. Sie hätten keine Chance mehr. 
        SPIEGEL: Ihr Erfolg in den Fünfziger Jahren war beachtlich, aber 
        verglichen mit Elvis war er gar nichts. 
        Charles: Sehr scharfsinnige Feststellung. Weiße Menschen haben immer 
        mehr Erfolg als schwarze Menschen. Little Richard brachte eine Platte 
        raus - und nichts tat sich. Pat Boone sang denselben Song - Superhit. So 
        ist es immer gewesen. Was also wollen Sie mir erzählen? 
        SPIEGEL: Daß Elvis Ihnen die Türen aufgemacht hat. 
        Charles: Stimmt. Wenn sich ein Schwarzer damals so wie Elvis im 
        Fernsehen bewegt hätte, dann hätte er das nicht überlebt. Ich meine, wir 
        haben diese Tänze erfunden, aber es konnte einen das Leben kosten, mit 
        dem Hintern huerumzutanzen in einer weißen Nachbarschaft. Ich habe 
        erlebt, wie Nat King Cole unten in Alabama ein paar Liebeslieder sang 
        und dafür zusammengeschlagen wurde. Nicht weil er schlecht sang oder so 
        was. Sie haben ihn zusammengeschlagen, weil nette weiße Mädchen auf die 
        Bühne kamen und flüsterten: "O Nat." Da haben die Jungs gesagt: "Jetzt 
        reicht's." Aber zurück zu Elvis. Es stimmt: Er hat uns den Weg geebnet. 
        Aber er hat auch alles von uns abgeguckt. Wo kommt denn "Hound Dog" her? 
        Wenn heute jemand sagt: "Der King war der Größte." Dann sage ich: "Wer 
        ist hier der King? King von was?" 
        SPIEGEL: Haben Sie in ihrer Jugend keine Stinkwut auf die Weißen gehabt? 

        Charles: Dort, wo ich herkam, wurde darüber nicht diskutiert. Es war wie 
        mit dem Wetter: Darüber redet man nicht. Es ist, wie es ist. Auf 
        Tourneen durften wir die Tankstellentoiletten nicht benutzen, wir 
        durften nicht an den Straßenrand pinkeln, also mußten wir aus der 
        offenen Autotür bei voller Fahrt pinkeln. Niemand hatte Zeit, sich über 
        die Rassensache aufzuregen: Es gab die schwarze Seite, und es gab die 
        weiße Seite, und die ganzen guten Dinge waren auf der weißen Seite. Das 
        wußte jeder. 
        SPIEGEL: Für Martin Luther King haben sie später Geld gespendet, 
        marschiert sind Sie aber mit ihm nicht. Hatten Sie Angst? 
        Charles: Nein, aber mir fehlt diese starke Selbstbeherrschung. Wenn mir 
        jemand ins Gesicht schlägt, gibt es Ärger, und zwar sofort. Ich halte 
        ihm nicht die andere Wange hin, ich kämpfe. Also sagte ich: "Dr. King, 
        du brauchst Geld für Busse, Gefängnis, Kaution, kein Problem, ich spiel 
        für dich. Aber marschieren, das geht nicht, da bin ich tot. Wenn mich 
        ein Polizist schlägt, schlage ich zurück, und peng erschießt er mich." 
        Man kann da nicht gewinnen, Das ist so, als würde man versuchen, mit 
        einem Auto einen Zug zu überfahren. 
        SPIEGEL: Anscheinend können Sie nicht nur gewaltlose Protestmärsche, 
        sondern große Menschenmengen insgesamt nicht besonders leiden. 
        Charles: Auf der Bühne fühle ich mich wohl, aber Partys, 
        Restaurantbesuche, Grammy, Oscar- und Golden-Globe-Verleihungen sind mir 
        ein Greuel. Ich habe drei, vier Freunde, die mir wichtig sind, mit denen 
        treffe ich mich, und wir spielen Jazz oder Karten oder weiß Gott was die 
        ganze Nacht. Aber diese Leute, die mich anrufen und sagen: "Hallo Ray, 
        komm doch vorbei auf ein paar Drinks im Hotel, der Mann von Warner 
        Brothers ist da und noch einer von EMI" - da gehe ich nicht hin, lieber 
        wär' ich tot, als mir dann dieses Geschwätz anzuhören, dieses "Hi Mary, 
        wie geht es dir, schön, dich zu sehen", und sobald sie weg ist: "O Gott, 
        ich konnte die blöde Schlampe noch nie leiden." Tut mir leid, geht 
        nicht, ich geh' nicht hin, da müssen die Verlierer im LaLaLaLand ohne 
        mich auskommen. 
        SPIEGEL:Viele Menschen haben sich daran gestört, daß Sie Anfang der 
        achtziger Jahre in Südafrika aufgetreten sind, von den Vereinten 
        Nationen wurden Sie dafür auf eine schwarze Liste gesetzt. 
        Charles: Manche Leute sind so dumm, so dumm. Die Menschen in Südafrika 
        wollten, daß ich bei ihnen spiele. "O. k.", habe ich gesagt, "ich 
        spiele, aber jeder Zuschauer, egal ob schwarz oder weioß, muß sitzen 
        können, wo er will." Keine Rassentrennung. Und damit ich sicher sein 
        konnte, daß ich nicht ausgetrickst werde, habe ich mir die Gage bis auf 
        den letzten Penny zwei Monate vorher in die USA überweisen lassen. Kurz 
        bevor wir in Südafrika auf die Bühne gingen, habe ich meine Musiker, die 
        ja sehen können, gefragt, ob alle Zuschauer schön durcheinander sitzen, 
        und erst als sie mir ein großes, fettes Ja gaben, traten wir auf. 
        SPIEGEL: Wie war's? 
        Charles: Großer Jubel, natürlich. Zu Hause in den USA war dann große 
        Empörung, alle machten Jagd auf mich, allen voran irgendwelche Schreiber 
        von der Princeton University, was in Ordnung war; denn Mutter Amerika 
        ist ein freies Land, und wenn einer sagen will: "Ray Charles ist ein 
        großes Arschloch", dann soll er das von mir aus sagen. Aber er soll 
        nicht wie diese Bunkerschreiber von der Princeton University auf die 
        Idee kommen, mir einen Brief zu schicken, in dem steht, daß sie aufhören 
        werden, mich zu jagen, vorausgesetzt, ich gebe ein Gratiskonzert in 
        Princeton. Das war der Tag, an dem ich jeden Respekt vor Princeton 
        verloren habe. Ich schrieb den Leuten, sie sollen meinen Arsch küssen. 
        SPIEGEL: Ihre Ex-Frauen sind auch nicht gerade gut auf sie zu sprechen. 
        Sie waren zweimal verheiratet, haben neun Kinder, leben jetzt allein und 
        sagen über die Ehe: "Einige Leute vertragen kein Aspirin, ich vertrage 
        die Ehe nicht." Was haben sie gegen die Ehe? 
        Charles: Ich hab' es ausprobiert, für mich ist das nichts. Mein Leben 
        ist eine Tournee, ich möchte nicht noch eine weitere nette Dame damit 
        unglücklich machen, daß ich nie zu Hause bin. Mein Freund Alex Haley 
        hatte eine Frau, die immer zu ihm sagte: "Entweder ich oder die 
        verdammte Schreibmaschine." Bei mir würde es heißen: "Entweder ich oder 
        die verdammte Musik." 
        SPIEGEL: Sie könnte mitfahren ... 
        Charles: ... absolut unmöglich, das würde mich wahnsinnig machen. Ich 
        will nicht immer auf eine nette Dame warten, die erst vor den Spiegel 
        muß, ins Badezimmer und so weiter. Wenn ich gehe, dann will ich gehen, 
        sofort, egal wohin. Ich dusche, ziehe mich an, und weg bin ich. Ich muß 
        weiter. 
        SPIEGEL: Sie haben sich für die Einsamkeit entschieden? 
        Charles: Es gibt viele Tage, da will ich überhaupt niemanden um mich 
        haben. Niemanden. Ich will nichts hören, ich will nicht sprechen, ich 
        will nur allein im Bett liegen und meditieren. Die einzige Person, mit 
        der ich es wirklich aushalte, ist Ray Charles, er ist ein netter Kerl, 
        ich kenne ihn schon ziemlich lange. Wir kommen miteinander aus. 
        SPIEGEL: Ihr Haus samt Swimmingpool haben Sie verkauft. 
        Charles: Ich brauche es nicht, ich bin nicht oft da, was soll ich mich 
        um das blöde Gras und den Pool kümmern. Ich habe jetzt ein kleines 
        Apartment, da ist alles drin, was ich brauche: meine Platten, meine 
        Mikrowelle, mein Kühlschrank, meine Anzüge, meine Bücher, mein 
        Fernseher, mein Telefon. Und mein Studio ist nebenan. 
        SPIEGEL: Fahren Sie manchmal in Urlaub? 
        Charles: Vergessen Sie's. Ich habe noch nie Urlaub gemacht. Runter nach 
        Florida, im Liegestuhl sitzen - so stelle ich mir die Folter vor. 
        Kreuzfahrt in die Karibik, so eine nette kleine, mit selbstgechartertem 
        Schiff - oje, oje! Wenn mich jemand fragt: "Wie wollen Sie reisen?" - 
        dann gibt es für mich nur eine Antwort: "Mit dem Flugzeug." Schnell 
        dahin, wo wir hinwollen - am besten auf die Bühne. 
        SPIEGEL: Keith Richards hat einmal gesagt, er gehe davon aus, daß ihn 
        seine Jungs notfalls im Rollstuhl auf die Bühne rausschieben. Wollen Sie 
        auch für immer auf der Bühne bleiben? 
        Charles: Es geht nicht um die Bühne. Es geht darum, daß ich da draußen 
        ich selbst sein kann, ich selbst, Ray Charles. Daß ich stolz auf mich 
        sein kann. Ich suche nicht Mitleid, ich will Bewunderung. Ich will, daß 
        die Leute sagen: "Ray Charles puts on a hell of a show." Und nicht: "Der 
        arme alte Mann, er hat es immer schwergehabt, früher einmal, da war er 
        zeimlich gut." Wenn sie das einmal sagen und auch noch recht haben - 
        dann gehe ich nicht mehr. 
        SPIEGEL: Mr. Charles, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 
          
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