Constanze Mozart posiert für ein Foto

VON MARKUS SCHWERING, 19.07.06, 07:03h
Bild: Stadtarchiv Altötting
 
Familie Keller und Constanze Mozart (l.) auf einem Foto von 1840.
 


Constanze Mozart geborene Weber, des Meisters „Herzensweibchen“ - visuell kennen wir sie vor allem als junge Frau, von Bildern jener Wiener Jahre zwischen 1782 und 1791, da sie mit dem Genie verheiratet war. Ein leicht puppiges Dreiecksgesicht und große braune Augen, dazu üppige Locken - eine liebreizende Erscheinung. Und dann gibt es da noch das 1802er Ölporträt der

40 Jahre alten Ehefrau des dänischen Etatsrats Georg Nikolaus von Nissen (Mozart war schon elf Jahre tot). Unser Bildgedächtnis ordnet sie einer bestimmten Epoche zu - dem ausgehenden Rokoko, dem beginnenden Klassizismus, der Zeit der Französischen Revolution.

Und nun dies: Im Stadtarchiv von Altötting ist 2005 - rechtzeitig zum Mozart-Jahr - ein Dokument aufgetaucht, das Constanze 78-jährig als verwitwete von Nissen zeigt, 1840 bei einer Familienfeier in Altötting, zwei Jahre vor ihrem Tod, der sie in ihrer langjährigen Wohnheimat Salzburg ereilen sollte - der Geburtsstadt ihres ersten Mannes. Und jetzt kommt es: Dieses Dokument ist kein Gemälde, sondern der Abzug einer Daguerreotypie, einer frühen Fotografie also. Man kriegt es nur schwer auf die Reihe: Als Constanze heranwuchs, trugen die Leute noch Spitzenjabots und Schnallenschuhe - und dieselbe Frau posierte dann Jahrzehnte später als Biedermeier-Witwe dem Fotografen.

Constanze Mozart als Zeitgenossin von Fotografie, Eisenbahn und Hochöfen. Freilich kommt es vor, dass sich bei 80-jähriger Lebensspanne die Epochen massiv überblenden - immerhin hat Constanze ihren ersten Mann um mehr als ein halbes Jahrhundert überdauert. Dem Dichter Ludwig Tieck erging es ähnlich: Er lernte 1789 in Berlin Mozart kennen - und erlebte im Alter die Dresdner Uraufführungen von Wagner-Opern.

Der Reihe nach: Ganz so sensationell, wie man in Altötting tut - dort gibt es im Rathaus sogar eine Ausstellung rund um das Bild - ist die Sache nicht: Der Abzug aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde bereits in den 50er Jahren publiziert und von dem Mozart-Forscher Mueller von Asow 1958 zum Gegenstand eines Aufsatzes in der Österreichischen Musikzeitschrift gemacht. Ein „alter Hut“, an den sich aber außerhalb der Fachwelt niemand mehr erinnert. So haftet dem „Wiederfund“ dann doch der Ruch des Sensationellen an.

Wie Alfred Zeller mitteilt, der Altöttinger Stadtarchivar, dokumentiert das Bild eine Feier der Familie des ortsansässigen Komponisten und Chorleiters Max Keller. Dem (als weitgehend korrekt ermittelten) handschriftlichen Vermerk auf der Rückseite zufolge zeigt das Foto Keller (vordere Reihe, zweiter von links) im Kreis seiner Lieben. Die alte Dame links im Bild ist demnach Constanze Mozart. Der Abzug ist nicht datiert, aber Zeller und seine Mitforscher nehmen an bzw. erschließen aus dem Vergleich mit anderen Bildern der Familie, dass es sich um die Feier anlässlich von Kellers 70. Geburtstag handelt.

Biografisch haut das alles gut hin: Tatsächlich könnte Constanze Mozart, die dank der Mitarbeit des Michael-Haydn-Schülers an Nissens

Mozart-Biografie mit Keller gut bekannt, wenn nicht befreundet war, damals nach Altötting gereist sein - entweder mit der Kutsche oder, wie Zeller vermutet, mit dem Schiff auf der Salzach bis Burghausen. Wobei das Reisen der nachweislich Arthritis-Gepeinigten zweifellos schwer fiel. Das Bild zeige auch - da ist man sich in Altötting sicher - deutlich eine arthritische rechte Hand.

Aber ist eine Datierung auf 1840 nicht zu früh - schließlich wurde das Verfahren der Daguerreotypie erst 1839 von der Pariser Akademie der Wissenschaften publik gemacht, nachdem eben der Theatermaler Daguerre das Verfahren (Belichtung einer Silberjodidschicht) entwickelt hatte? Nein, sagt Zeller, gerade in Bayern habe sich die Fotografie schnell durchgesetzt, und Anleitungen zum Daguerreotypieren seien bereits 1840 verkauft worden.

Auch zum Fotografen der Keller-Feier hegt er eine Vermutung: Es könne der Kunstmaler Clemens della Croce gewesen sein, der 1849 in Burghausen das erste Daguerreotypie-Studio der Region eröffnete. Della Croce - bei diesem Namen horchen Mozart-Kenner auf: Tatsächlich war es Clemens' Großvater Johann Nepomuk della Croce gewesen, der 1780 / 81 das bekannte Salzburger Familienbild der Mozarts (mit den Geschwistern am Klavier) gemalt hatte. Womit sich sozusagen der Mozart-Kreis schlösse.

Aber es bleiben Restzweifel: Letztlich ist die Beschriftung auf der Foto-Rückseite der einzige Hinweis auf Constanze Mozart. Die Altöttinger Reise ist sonst nirgendwo dokumentiert - was nicht heißt, dass sie nicht stattgefunden hat. Zur Klärung der Personenidentität hat man auch Physiognomen bemüht. Die konnten zumindest feststellen, dass sich etliche Merkmale der alten Dame - die Form von Nase, Kinn etc. - auch auf früheren Porträts finden. Und es ist kaum zu leugnen: Das Gesicht als Ganzes zeigt eine Familienähnlichkeit mit dem berühmten Cousin: mit Carl Maria von Weber, dem „Freischütz“-Komponisten.